22-Pistepirkko

Tampere, Finland im November 2006. In der abendlichen Dunkelheit fällt der erste Schnee und dämpft die Geräusche der Nachzügler, die sich in den „Klubi“, das zentral gelegene Rockvenue drängen. An der Garderobe werden die letzten schweren Wintermäntel und Mützen platziert und drinnen öffnet sich im Schummer des Konzertsaales der schwere Bühnenvorhang.
Ganz vorne im gespannt auf den ersten Ton und Anblick wartenden Publikum: zwei weitgereiste, lebenserfahrene Musikafficinados. Aus den USA sind sie eingeflogen, dem Land aus dessen Musiktraditionen und –legenden sich das hier gleich auftretende Trio seit 25 Jahren inspirieren ließ.
Mit unterschiedlichen Gewichtungen, oft auch gleichzeitig, nährten die 3 aus Utarjärvi sich vom Protopunk New Yorks (VU, New York Dolls, Ramones, Suicide), von Country (H.Williams Sr.,Jody Reynolds), von Rock (N.Young & Crazy Horse) vom R’n’B (Bo Diddley) und Surf (L.Wray) der 50er/60er, vom Blues (Billy Boy Arnold, Howlin Wolf, J.L.Hooker), vom Pop (Carpenters, Beach Boys) und selbst von HipHop – vornämlich dem mit weibliche Protagonisten (Salt’n’Pepa, Lauryn Hill, Missy Elliot). ….und dabei ob der Perspektive von einzelgängerischen Brüdern im weitentfernten Zipfel Nordosteuropas, zwischen Wäldern, Kartoffelfeldern und Käffern zu ganz speziellen Ergebnissen kamen.
Das erste was der schwere Vorhang an Anblick freigibt sind zwei Beine. Nicht vorne am Bühnenrand, sondern – überraschend und merkwürdig weit oben – von einem Verstärkerturm baumelnd. Der spirrelige Asko Keränen hat dort oben Platz genommen und schaukelt sich nun mit trockenem, sanften und löchrigen Tönen seines alten Fender E Baß in einen schlurfigen Rhythmus zwischen Dub und Blues…
Booompff-ffff-pffakk. Das Ding bekommt Festigkeit und eine neue Gestalt: Im hinteren Bereich der Bühnenmitte ist an einem Gretsch Jazz drumkit Espe Haverinen eingestiegen. Sein Blick auf die das HiHat klopfende Plastikrassel gerichtet, als würde diese ohne den Blick aufhören zu spielen. Als drummer erinnert er an eine finnisch unalberne Ausgabe von Ringo Star, in einem trashigen Texashemd wie ein wenig eleganter Charlie Watts, wie ein etwas feinerer Ralph Molina, oder dann wieder wie eine etwas verspieltere Mo Tucker im Bo Diddley Beat.
Nach einer gefühlten Ewigkeit tritt aus dem Dunkel der rechten Bühnenseite Asko’s Bruder PK an’s Mikrofon. Ein komischer Hut bändigt seine orange-rot gefärbten, schütteren Haare. Hier und da dreht er noch ein Knöpfchen seiner custom made Versoulgitarre, die es ihm mit schnurrigem Fiepen dankt. Und plötzlich setzt er mit hoher Stimme ein und durchs Publikum rollt sich merklich eine spannunglösende Welle, lässt spontan Arme nach oben schnellen und Köpfe nicken. Doch anders als man dies von einem Hallenrockkonzert kennt. Dies hier ist eine Band der kleinen, feinen und besonderen Gesten. Ihr Auftreten ist ohne Kalkül und Pose – sondern direkte Veräußerung ihrer Sehnsüchte und ihres Könnens, mit den dazugehörigen Brüchen und in eigentümlicher Schönheit. Das kann auch mal waghalsig werden. An einem Abend wie diesem funktioniert das beim Publikum prächtig. Aber sie haben in all den Jahren schon alles mögliche gehabt.
Die beiden Amis nicken und recken ihre Köpfe bis zur letzten Zugabe. Dann drehen sie sich zueinander, nicken weiter mit breitem grinsen. David Fricke vom amerikanischen Rolling Stone: „It was a gas, dark, taut and gritty – great blues-noir” Und Kramer meint irgendwann “I don’t want to produce the next 22 album, but their best”
Nur 10 Tage dauerten die Aufnahmen im bandeigenen Altai Studio, zu denen sich KRAMER (Bongwater, Ball, Shimmydisc, Galaxie 500, Daniel Johnston, Ween, etcpp) eingeladen hatte.
Nach Zeiten vieler elektronischer Experimente hat die Band schon mit ihrem 2005er Album „Drops & Kicks“ die Spielereien beendet und die Einfachheit wieder entdeckt. Mit „(Well You Know)…“ steht dieses Konzept in voller Blüte.
Chris Bailey von The Saints hat die Platte kürzlich gehört und schrieb uns: „From the first bars of the opening track you know you are in for a treat, this record is MAGIC. Each song has its own personality and reference point which should defy inclusion on the same album yet all combine to create an astonishing journey through all that is glorious about pop music. … a stupendous piece of work!”
22-Pistepirkko bestehen aus den Brüdern Asko und PK Keränen und ihrem Sandkasten-Freund Espe Haverinen. Gegründet in Utarjärvi, Finland ist die Band mittlerweile in Helsinki zu Hause. 22-Pistepirkko gibt es seit rund 25 Jahren. Im Jahr 2005 haben sie mit „Drops & Kicks“ ihr 10tes Album veröffentlicht. Kurz darauf folgte eine ein intimes Bandporträt auf DVD „Sleep Good Rock Well“ und ein Album ihres Nebenprojekts „The Others aka 22pp“. Alles erschien auf ihrem eigenen Plattenlabel Bone Voyage Recording Company. Die komplette Bandgeschichte kann nachgelesen werden in dem gut 350 Seiten starken finnischen Hardcover Buch „22 Pistepirkko“ (Like Publ). Die englische Version dieser Biografie ist als pdf-file der CD-Single „Suburban Ladyland“ beigefügt. Auch zu finden ist das file auf der limitierten 2CD-Version des Albums. Alle Fotos, die Cover und Booklet zieren, stammen von weltweit eingesandten Bildern von Freunden und Fans der Band.
Discografie (Albums)
Kings Of Hong Kong (1987)
Bare Bone Nest (1989)
Big Lupu (1992)
Rumble City LaLa Land (1994)
Zipcode (1996)
Eleven (1998)
Downhill City – Soundtrack (1999)
Rally Of Love (2001)
The Nature Of …compilation 85-02 (2002)
Drops & Kicks (2005)
Monochromeset by The Others aka 22pp (2006)
(Well You Know) Stuff Is Like We Yeah! (2008)
Youtube – Video: