Timesbold
Timesbold – Ill Seen Ill Sung
Glitterhouse Records / Indigo
VÖ: 15.02.2008
“There’s something missing when I don’t hear music, and when I do, then there’s really something missing.” (Robert Walser, zit. n. d. „Ill Seen Ill Sung”-Booklet)
Welt, da gibt’s noch so ein paar Dinge, die ich nicht verstehe. Wie klingt das Klatschen einer Hand? Woran starb Edgar Allan Poe? Wie zur Hölle funktioniert Cricket? Was ist der Sinn von Liebeskummer? Wer kam auf die Idee, Wölfe zu domestizieren? Und wieso bitte sind Timesbold nicht spätestens seit „Eye Eye” größer als Russland?
Nächste Chance, liebe Welt: „Ill Seen Ill Sung”. Nach „Timesbold” und „Eye Eye” drittes Werk der Brooklyner Band, die Anfang 2001 Licht und Schatten der Welt erblickte. Zu Beginn noch ein Ventil des Hauptsongwriters/Sängers Jason Merritt (zuvor, währenddessen und weiterhin solo unter seinem Pseudonym Whip aktiv) hat sich die fünfköpfige Besetzung seit dem Zweitwerk als Band zusammengefunden. Sie selbst drücken das so aus: „Timesbold ist eine Band. Fünf oder sechs Personen mit einem unterschiedlichen Background.
Sowohl musikalisch als auch sonst.
Die Mitglieder der Band leben nicht gemeinsam in einem Haus. Sie arbeiten nicht den ganzen Tag an neuen Songs Die Mitglieder der Band mögen nicht die gleiche Musik. Die Mitglieder der Band leben nicht einer Stadt. Manche trennen gar mehr als 4500 Kilometer. Wenn sie nicht an einem Album arbeiten oder touren, sprechen sie kaum miteinander. Sie kleiden sich nicht gleich, sie benehmen sich nicht gleich – auch denken sie nicht gleich. Aber, wie es in dieser Welt so geht, sie haben gemeinsam eine Menge durchlebt und sie respektieren und lieben sich. Dies ist nicht Deine typische Band.
Diese Menschen treffen sich manchmal. Und hauchen dann trotz andauernder Konflikte ihren Liedern Leben ein. Leben, das sie zu unverwechselbaren Timesbold-Liedern macht. Mit einer ungeheuren Glücksseligkeit geht das nun schon seit dem Anfang des Jahrtausends so. Dies ist die Wahrheit über Timesbold. Und wenn sie die ganze Wahrheit hören wollen, lieber Leser, …” – tja, dann läuft die CD wohl schon.
Schon traditionell mit wunderbarem Artwork, weiser Dichtkunst und wissender Musikalität ausgestattet, besticht das abermals von den Bandmitgliedern selbst aufgenommene und produzierte „Ill Seen Ill Sung” durch dichterische und kompositorische Klasse. Sänger Jason Merritt gibt uns wieder kleine leise Rätsel auf, Melancholie mit scharfen Kanten, verpackt in poetische Texte. Erzählt wird von all den kleinen unsichtbaren Narben, all den Wegen, gegangen und gemieden. Und immer wieder von der Unzulänglichkeit der Sprache. Auf die allein er sich hier aber wahrlich nicht verlassen muss.
Timesbold schaffen es, auch noch dem ausgefallensten und überbordendsten Instrumentarium jegliche pompöse Opulenz zu nehmen. Neben Harfe und Theremin, Weinglas und Säge haben sie bereits Ofenrohre und Rucksäcke zum Klingen gebracht. Und alles fügt sich wie Hiob, ergänzt sich wie ein Sudoku. Im Stile Brian Wilsons haben es Timesbold geschafft, möglichst viele Instrumente in ihren Sound zu integrieren, um einen zunächst unkategorisierbaren, sehr eigenen Sound zu schaffen, der den Hörer mit der vollen Wucht der Zartheit trifft. Musik für alle, die Ohren haben um zu sehen. Ein Klangregenbogen, dessen Farben sich nicht zu einem matschigen Braun vermischen, sondern selbstvergessen schimmern, glänzen und ineinander greifen wie Mönchshände während der Horen.
„Die Kunst ist ein so überaus reines und selbstzufriedenes Wesen, dass es sie kränkt, wenn man sich um sie bemüht.” (Robert Walser – Das Gesamtwerk, Bd. 1)
(Zitat: „Klingt wie: trees being felled on the moon, falling up…or the sound of chopping off your feet, and trying to dance”)
Timesbold – Bone Song