Beige GT
Muss Erwachsen werden schlimm sein.
Nein, nein, nein!, dementiert Wolfgang Reutter
hastig, erwachsen sind beigeGT auf ihrem 2ten
Album "Cue" nicht geworden. Obwohl.......Nun ja,
ein wenig schon. Ist aber trotzdem ein Scheiß-
wort. Erwachsenwerden. vielleicht rockiger, fast
wild, aber eben ruhiger, wild ruhig sozusagen oder umgekehrt. ja. Wenn sich schon einer
der
beiden singenden Gitarristen des Regensburger
Quintetts so um eine eigene Stilanalyse herum-
windet, wie sollen denn dann erst Außenstehen-
de ihre Schubladen voll kriegen? Keine Frage, um
beigeGT mit Worten zu definieren, gilt nur die eine
wahre Parole: bildet Ketten!
Elektropostpoprockgefrickel käme da in Frage.
Oder vielleicht Wahwahbeatpunkpopsampling,
irgendwas in der Richtung. Techno ist auch drin,
dafür bürgt das Teichmann-Duo. Und eine Spur
EasyListening. Es ist eben gar nicht so einfach,
beigeGT zu verschachteln - genau das ist ihre
Stärke. Ach was: Ihre Sonderstellungsmerkmal,
um es mal betriebswirtschaftswissenschaftlich
zu fassen. Wenn stark überhöhte Gitarren mit
engelsgleich klarem Schlagzeug korrespondie-
ren, wenn ein extrem hintergründiger Bass
skurrile Moogklänge unterstützt, wenn selbst
Instrumentalstücke besungen scheinen und
ganze Textstücke von niemandem verstanden
werden, der nicht mindestens achtmal ganz
genau hinhört - dann steckt vermutlich beigeGT
dahinter. Und trotzdem, ob die Jungs aus der
bayerischen Provinz es nun wollen oder nicht:
Der ruhmreiche Vorgänger "Jukebox Heroes"
klingt in "Cue" durch, ist aber, nennen wir es mal
reifer, geworden. Ein klassisches Kriterium von
Erwachsensein, oder? Aber das ist ja wohl auch
die ganze Band, fast sieben Jahre nach der Grün-
dung und ein paar weniger nach der Y-Series-
Tanzflächenfüller-Coverversion "Knights of the
Jaguar", die seltsamerweise auf einmal jeder kennt, ohne vermutlich das Club-Original von
Underground Resistance je gehört zu haben.
Texter, Sänger und Gitarrist Martin, Wolfgang
(Stimme und Gitarre), Gesangsbassist Klaus und
Drummer Andi sind schließlich alle der hyperex-
perimentellen Frühphase entwachsen und selbst
den zweiten Teil der labelbetreibenden Gebrüder
Teichmann (festplatten), Hannes, kann man längst
nicht mehr guten Gewissens als Technopopküken
bezeichnen. Sie haben sich ein bisschen raus-
geschält aus ihrem wirr-genialen Klangsammel-
surium des Erstlings, singen konsequent englisch
statt pseudomultilingual viersprachig und rocken
doch wie einst im Herbst 2001. Außerdem haben
sie mittlerweile auch eine ansehnliche Veröffent-
lichungspalette. Und eigentlich machen sie auch
nur das, was sie am besten können, nämlich
mädchenkompatible Jungsmusik fürs dritte Jahr-
tausend. "Gigantische Naivität" hat die Spex das
mal getauft und einen neuen Stil ausgerufen (für
den sie allerlei verschiedene Namen anbietet,
aber das hatten wir ja schon).
Mein finaler Vorschlag: Pop. Ganz schlicht Pop.
Der einzig echte, wahre, vielleicht sogar grund-
ehrliche. Der alle denkbaren Zeichen moderner
Musik aufsaugt, verdaut, dekodiert, abmischt,
verrührt und wieder rausrotzt. Der live hervor-
ragend funktioniert ohne das bandeigene Studio
im süddeutschen Nirwana zu verleugnen. Der
mit "Amber" wie nach einer doppelten Dosis
Retalin einsteigt und in "Iowa" zum Schluss die
E-Gitarrensoli flimmern lässt. Der den beknack-
testen und zugleich sinnbildlichsten Bandnamen
der Welt verkörpert, mit der hässlichsten und
schönsten aller Farben in einem. Und der seinem
Genre zwischen Highspeed und Dauerexperiment mit "heat" ein echtes Paradebeispiel hinzufügt.
Das müsste doch eigentlich reichen, um den
Bayern ihren Katholizismus zu exorzieren,
immerhin bleiben sie ihrer Heimat treu. Aber
zunächst reicht es locker, um beim Feier-
abendplattenauflegen in der Szenekneipe ums Eck zwischen Mudhoney, Trashmen und Le Tigre
was wirklich Schräges zu spielen, ohne gleich die
Ohren zu quälen wie andere Exklusivitäten. Dabei
kann man zu beigeGT sogar tanzen (wenn es
eine Spur runtergepitcht wird). Auch das ist
eine beige GT - Philosophie: Alles geht. Sogar
erwachsen werden.
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